Neuenegg, oder doch Sternenberg? Kanton Bern, Schweiz
Koordinaten: 589 432/193 996



Blick auf den ältesten Teil von Neuenegg: Kirche mit Pfarrhaus, links die Mühle im Hintergrund der Burghügel der Flüe mit Bauernhaus
Das Wappen von Neuenegg: Der Stern auf dem Dreiberg, ist ursprünglich das Wappen der Familie Sternenberg, später des Landgerichtes Sternenberg.
Quelle: Internet



Eine Burg in Neuenegg?
Schaut man auf die Burgenkarte der Schweiz ist in Neuenegg keine Burgstelle eingezeichnet. Die nächstgelegene Burgen sind, nördlich von Neuenegg am Sonnenrain im Forst,
die Burgstelle Sternenberg, westlich das Schloss Laupen, östlich die Burgstelle Thörishaus.

Also gab es keine Burg in Neuenegg?
Doch natürlich gab es eine!
Schon der Name Neuenegg verrät es: mittelalterlich Nuneca, heute Neuenegg, besteht aus zwei Wörter "Nu" bzw."Neu" und "Eca" bzw."Egg". "Neu" ist klar. "Eca" oder heute "Egg" bezeichnete
im Mittelalter einen befestigten Ort oder eine Burg!

Aber wo soll den diese Burg gestanden sein?
Genau dort wo sie erwartet werden kann! Im ältesten Teil von Neuenegg. Dort wo schon seit Jahrhunderten die Kirche steht, erhebt sich östlich davon der mächtige Hügel der Flüe!
Der Hügel der Flüe eignet sich hervorragend als Standort für eine Burg. Gegen Süden, Westen und Norden fällt das Gelände steil ab und gegen Osten konnte die Burg durch
einen tiefen Halsgraben vor Angreifer geschützt werden. Der Graben ist heute nicht mehr als solcher zu erkennen. An genau dieser Stelle steht heute das Altersheim Landhaus.
Der Burghügel wurde künstlich noch um ein paar Meter erhöht und abgeflacht. Nach dem Abgang der Burg wurden an der Stelle Herren-, bzw. Bauernhäuser errichtet. Das noch heute
bestehende Bauernhaus trägt, über dem Eingang des westlichen Gewölbekellers, die Jahrzahl 1767 . Aber im östlichen Keller sind Mauerreste erhalten die noch wesentlich älter sind. Ob es sich dabei
um die Reste der Burg handelt?

Der älteste Teil Neueneggs:
1. Der ehemalige Burgplatz mit dem heutigen Bauernhaus (erbaut um 1767)
2. Altes Schulhaus, ( 17.Jahrhundert)
3. Alte Staatsstrasse Bern-Freiburg (spätestens ab dem 12.Jahrhundert) IVS BE26.3
4. Der Halsgraben, heute steht dort das Landhaus (erbaut um 1940) (Der Graben ist nur noch im Ansatz sichtbar)
5. Kirche (erster Kirchenbau um 1100, ursprünglich mit einem steinernem Turm im Südwesten)
6. Pfarrhaus
7. Alte Strasse Neuenegg-Laupen IVS BE435.1
8. Unterer Bärenweg
9. Oberer Bärenweg
10. ehemalige Mühle

Was rechtfertigt die Annahme dass auf der Flüe eine Burg stand?
Das erklärt sich aus der strategisch wichtigen Lage von Neuenegg!

Noch heute sind zwischen Neuenegg und Laupen die Panzersperren aus dem letzten Weltkrieg zu sehen. Das Denkmal der Schlacht um Neuenegg zeugt von der wichtigen Lage Neueneggs.
Als nämlich die Franzosen 1798 von Westen kommend Richtung Bern vorstiessen wählten sie Neuenegg zum Überqueren der Sense. Dank der strategisch guten Lage von Neuenegg konnten
die Franzosen über die Sense zurück gedrängt werden!

Panzersperren zwischen Neuenegg und Laupen, Quelle : Internet      Gemälde der Gefechte in Neuenegg 5.März 1798, Quelle: Internet

Aber schon die Alemannen erkannten diese strategisch gute Lage. Im frühen Mittelalter nach dem Rückzug der römischen Besatzung kämpften eindringende Alemannen gegen die Burgunder
um das Gebiet des Uechtlandes, also das Gebiet zwischen den heutigen Städten Bern und Freiburg. Diese Grenze zwischen den Alemannen und Burgunder verschob sich immer wieder.
Allmählich etablierte sich aber die Grenze so wie sie heute noch grössten Teils zwischen Bern und Freiburg ist, nämlich an der Saane und Sense. Scheinbar waren aber die Spannungen
zwischen den Alemannen und den Burgundern auf der anderen Seite der Sense so gross das die Alemannen begannen diese Grenze zu befestigen. Es entstanden Wälle, Terrassen und
Palisaden entlang der Sense und Hinterhalte gegen den Forst hin. Dessen Reste lassen sich noch heute, speziell auf dem Gemeindegebiet von Neuenegg, im Gelände erkennen.
Dies änderte sich auch nicht als der Burgunderkönig Rudolf II sich Ende des ersten Jahrtausend mit der alemannischen Herzogstochter Bertha verheiratete und sich so das Uechtland
einverleibte und in Bümpliz ein Königshof baute. Der aufkommende Burgenbau zu dieser Zeit lies entlang der der Saane und Sense ungewöhnlich viele Burgen entstehen. Rund 15 Burgen sind
heute an der Sense bekannt. Die Burg Laupen entstand zur dieser Zeit und wurde später zum Landvogten-Schloss ausgebaut und steht heute noch. Andere z.B. die Grasburg blieb nur als
Ruine bestehen. Die meisten Burgen allerdings wurden bald wieder aufgegeben und verschwanden. Zurück blieb das Erdwerk, der Burghügel und Gräben. Ein schönes Beispiel dafür ist der
Burghügel in Thörishaus. Alle diese Burgstellen gehörten zu der Alemannischen Grenz bzw. Verteidigungslinie die sich entlang der Saane/Sense bis ins Schwarzenburgerland hinauf zog.
Auch Neuenegg war einer dieser Burgen.


Der Burghügel ist auf dem LIDAR Bild gut zu erkennen. Das rechteckige Burgplateau und der Einschnitt wo der Burggraben war.



Burgstelle Sternenberg      (590 593 /  195 507)


Sucht man in der Burgenkarte der Schweiz eine Burg Sternenberg im Kanton Bern findet man folgende Einträge:
"Sternenberg, Köniz. Auf dem Hügel südlich der Scherli-Au ehemaliger Sitz der Grafen v. Laupen-Sternenberg. Keine Mauerreste sichtbar."
"Sternenberg, Neuenegg. Am Sonnenrain im Forst ob Neuenegg. Ehemaliges Erdwerk beim Bau der Staatsstrasse um 1820 weggeräumt. Im Gelände
nicht mehr sichtbar. Möglicherweise ehemaliger Sitz der Grafen v. Sternenberg.

Auf die Burgstelle Sternenberg bei Köniz, Scherliau möchte ich nicht weiter eingehen. Diese war unbestritten ein Sitz der Familie Sternenberg.
Die Sternenbergs kamen im Gefolge der Zähringer zu Beginn des zweiten Jahrtausends ins Uechtland und hatten wohl mehrere Familiensitze.
Sie gaben dem späteren Landgericht Sternenberg den Namen und Neuenegg verwendet noch heute ihr Wappen.
Aber wo wohnten nun die Sternenbergs? Am Sonnenrain oder doch etwa auf der Flüe in Neuenegg?
Werfen wir einen Blick auf die Karten: (Alle Karten: Geoportal des Kanton Bern)


In den normalen Karten ist an der Stelle der Burgstelle Sternenberg am Sonnenrain rein gar nichts zu erkennen.


Das digitale Geländebild Lidar zeigt doch mehr, oder?

Im Vergleich zum Burghügel der Flüe ist hier kein Hügel zu sehen. Das Gelände oberhalb des Hanges ist absolut flach.
Das Gelände ist absolut ungeeignet für eine wehrhafte und repräsentative Burg. Zu flach ist das Gelände, zu sehr im Wald und zu weit weg
von den grossen wichtigen Strassen und Flussübergängen.



Mit etwas Phantasie lassen sich doch einige Details im Gelände erkennen:

Nebst den modernen Forststrassen sind doch einige ältere Strukturen sichtbar. Eine rechteckige Struktur lässt sich erkennen.
Das sind aber die Wälle einer Ausgrabung in den sechziger Jahren wo angeblich Mauerreste gesichtet wurden. Leider ist davon keine Dokumentation
erhalten geblieben. Sicher ist, dass ein alter Weg vom Landstuhl her kommend an der Burgstelle vorbei Richtung Laupen führte.



Dia angebliche Burgstelle Sternenberg am Sonnenrain. Kein Hügel, kein Graben, keine strategisch wichtige Lage.
Hier gab es nichts zu be- oder überwachen. Eine Burg an dieser Stelle machte keinen Sinn!

Aber wenn hier eine Burg keinen Sinn macht, was könnte hier gewesen sein? Die Steine unter der Erde könnte zu etwas ganz anderem gehören!
Gelegen an einem alten Weg, könnten im Boden die Reste einer steinernen Richtstätte liegen. Richtstätten wurden oft an einem Weg an überhöhter Lage
errichtet. Die Verurteilten sollte man weithin sehen können, aber doch weit genug entfernt von der Burg und dem Dorf damit die verrotteten Körper nicht mehr störten!
Zu Neuenegg gehörte auch ein Hoch- und ein Niedergericht, also brauchte es auch eine Richtstätte. Später war das Hochgericht in Bern. Beim Landgericht Sternenberg blieb
das Niedergericht. Die Richtstätte wurde nicht mehr gebraucht und verschwand. Der Standort am Sonnenrain als frühe Richtstätte machte durchaus Sinn!

Reste einer Galgenanlage mit steinernen Fundament und drei Säulen. (Ernen, Kanton Wallis)

Überreste der Galgenanlage in Laupen. Ein Fundament mit gemörtelten Flusssteinen, die gleiche Bauart wie zum Burgenbau verwendet wurde.

Ein krasser Unterschied zu Sternenberg am Sonnenrain ist die Flüe in Neuenegg:

Hier hat es alles was es zu einer Burgstelle braucht: Die strategisch gute Lage um die Senseübergänge im Tal zu überwachen und wenn nötig zu schützen.

Das Burgdorf am Fusse der Burg: Kirche, Mühlen, Bauernhäuser, Fuhrbetriebe, etc. Alles was die Burg zum funktionieren brauchte war vorhanden!



Einen Burghügel auf drei Seiten steil abfallend und mit einem breiten und tiefen Halsgraben auf der vierten Seite. (Genau dort wo nun das Landhaus steht.)



Die Burg stand an sehr prominenter Lage! Für die Burgenherren war es wichtig ihre Grösse und Macht zeigen zu können!




Fazit:


Auf der Flüe stand eine gewisse Zeit eine Burg! Wann genau lässt sich nicht sagen. Typischerweise entstanden die ersten Bauten zwischen dem siebten
und neunten Jahrhundert gleichzeitig mit allen Burgen in der Gegend. Zu Ende des allgemeinen Burgenbaus im Verlaufe des elften und zwölften Jahrhundert verschwand die Burg
in Neuenegg wieder, wie die meisten seiner Nachbarburgen auch. Die Flüe blieb aber nicht ungenutzt, es entstanden Herren- und Bauernhäuser auf den alten Fundamenten der Burg.
Wie die Burg aussah, lässt sich nur vermuten. Typischerweise war es zu Beginn eine reine Holzburg. Hölzernen Palisaden umschlossen mehrere kleine Holzbauten, an höchster Stelle
wohl ein hölzerner Wohn-und Wehrturm. Eine rasch demontierbare kleine Holzbrücke überwand den tiefen und breiten Graben im untersten Teil. Der Aufstieg zur Burg war immer noch
ein steiler Weg! Später wurde der hölzerne Wehrturm ersetzt und ein Turm aus Stein gebaut der im oberen Teil wohl immer noch aus Holz war. Weiter wurde die Burg nicht mehr ausgebaut,
dazu war der sandige Untergrund auf der Flüe nicht geeignet. Teile des Turmfundaments aber sind im Boden erhalten geblieben und bilden heute einen Teil des Kellers des heutigen Bauernhauses
auf der Flüe. Wer die Bewohner dieser Burg waren ist nicht schriftlich dokumentiert. Sicher waren, eine Zeit lang, die Familie der Sternenbergs seine Bewohner. Die Wohnstätte der Sternenbergs
am Sonnenrain zu sehen ist völlig abwegig. Nur auf der Flüe fanden sie die Voraussetzungen für eine entsprechende Wohnstätte! Wie weit die Sternenbergs gleichzeitig in Thörishaus und der
Scherliau gewohnt haben, lässt sich nicht dokumentieren. Die Sternenbergs waren aber eine recht grosse Familie und brauchten entsprechend verschieden Residenzen!

Die Theorie, dass auf der Flüe eine Burg gestanden haben muss ist nicht neu. Schon Emanuel Lüthi (1843-1924), der in Neuenegg geborene Gymnasiallehrer und Gründer
der Schulwarte Bern, beschreibt schon 1901, in einem Aufsatz zu alemannischen Grenzbefestigungen in Neuenegg, die Flüe als ein befestigter Ort. Dank der Digitalisierung und online Stellung
seiner lokalhistorischen Schriften tauchen sie nun wieder aus der Vergessenheit auf.
Fred Freiburghaus, Lokalhistoriker und Familienarchivar der Familie Freiburghaus kam in jahrelangen Studium alter Schriften, unzähligen Geländebegehungen und vielen Gesprächen mit Leuten
vor Ort zu den gleichen Erkenntnissen. Seine akribischen Ermittlungen decken sich mit den Schriften Emanuel Lüthi in erstaunlicher Weise!
Die wunderbar gemachte Webseite finden sie hier: freiburghaus-roots.ch


Einige Quellen:
B.Schmid, F.Moser: Die Burgen und Schlösser der Schweiz, Kanton Bern: Mittelland, Emmental und Oberaargau (2.Teil)
Die Burgenkarte der Schweiz-West

Emanuel Lüthi: Alamannische Grenzbefestigungen bei Neuenegg, 1901
Emanuel Lüthi: Ausgrabungen an der obern Sense, 1909
Emanuel Lüthi: Besiedlung der Westschweiz durch die Alamannen Teil 1-8, 1909
Joho, Jean-Jacques: Laupen und Sternenberg : einige Hinweise - offene Fragen, 1967
Internet:
Emanuel Lüthi, Alamannische Grenzbefestigungen bei Neuenegg
Historisches Lexikon der Schweiz, Neuenegg
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Geoportal des Kantons Bern, LIDAR-Bilder
Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz

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erstellt im Januar 2017

Last updated: 2.Januar 2017


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